“Flucht aus Havanna”

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2001

 Published by: Goldmann

 ISBN: 3-442-44901-4

 
 

1

Elliot Steil saB auf einer Parkbank im Schatten, schlug die Beine übereinander, streifte einen abgewetzten, mit Trod-deln besetzten Mokassin ab und massierte seinen linken FuB. Kurz darauf nahm er sich seinen rechten FuB vor. SchlieBlich stützte er sich auf der Marmorplatte ab, setzte seine nackten FüBe auf den betonierten Gehweg und wa-ckelte mit den Zehen.

Dieser Tag hat's echt in sich, sinnierte er. Bereits vor zwei Tagen waren seine letzten Kaffee- und Zuckerreserven aus-gegangen, und sein Frühstück hatte aus vierzig Gramm tro-ckenem WeiBbrot und einem Glas Wasser bestanden. Kurz darauf sollte er feststellen, dass sein Fahrrad hinten einen Platten hatte. Geschlagene fünfundsiebzig Minuten hatte er auf einen Bus warten mussen, um schlieBlich um zwei Mi­nuten nach zehn seine Stechkarte im Polytechnischen Insti-tut zu lochen, wo er Englisch unterrichtete - zwei Stunden und zwei Minuten zu spat.

Zum Mittagessen gab es ein dürftiges, fades Gemisch aus Reis und halb garen Feuerbohnen, begleitet von ein paar Scheiben überreifer Tomaten. Als er um fünf Uhr nachmit-tags das Institut verlieB, überlegte Elliot sich, ob er zu FuB nach Hause gehen oder ein paar Stunden seiner sparlich be-messenen Freizeit auf das so gut wie nicht existente öffent-liche Verkehrsnetz Havannas verschwenden sollte. Ange-sichts des für die Zeit zwischen acht und elf angekündigten Stromausfalls und der noch zu erledigenden Hausarbeit ent-schloss er sich, die acht Kilometer zu FuB zurückzulegen.

Beim Fahrradfahren oder im Bus vergaB er immer wieder seinen empfindlichen MittelfuKknochen, den er von irgend-einem unbekannten Vorfahren geerbt haben musste, und nach einem FuBmarsch von vierzig oder fünfzig Minuten halfen die orthopadischen Einlagen seiner Konfektionsschu-he nicht mehr.

Steil seufzte und schaute vom Gehweg auf. Zwei Teen­ager unterbrachen ihren Austausch an coolen Modewör-tern, und nachdem sie ihn kurz angesehen hatten, tausch-ten sie breit grinsend Blicke aus. Der schlaksige Blondhaa-rige, der einen Basketball unter dem Arm und schmutzige Plateau-Sneakers zu übergroKen Shorts trug, hielt sich die Nase zu.

»Da sieht man's mal wieder. Man sollte nie ohne Gasmas-ke aus dem Haus gehen«, witzelte der GröBere, ein kaffee-brauner Junge.

Die beiden Halbstarken glucksten, krümmten sich vor Lachen. Als sich ihr Heiterkeitsanfall sechs, sieben Schritte weiter gelegt hatte, schlugen sie die Hande ineinander - zu-erst in Schulter-, dann in Hüfthöhe - und wandten sich wie­der ihrer Unterhaltung zu.

Steil nahm ihnen die Bemerkung nicht weiter übel; er musste sogar lacheln, denn er wusste genau, dass seine FüBe geruchsfrei waren. Nach zwanzig Jahren als High-School-Lehrer war er die Marotten der Teenager gewohnt. Was ihn j edoch bestürzte, war das verstümmelte Spanisch, das die Kids sprachen. Wie in aller Welt sollten sie eine Fremdspra-che erlernen, wenn sie ihre eigene Muttersprache derart fehlerhaft und bestenfalls rudimentar beherrschten? Die Zahl der Schuier, die ein akzeptables Spanisch sprachen, nahm von Jahr zu Jahr ab. Bei den wenigen, die der Spra-che machtig waren, handelte es sich beinahe ausschliefilich um Madchen. Und Jungen, deren Kommunikationsfahigkei-ten in Schrift und Wort über dem Durchschnitt lagen, kehrten ihr Licht gern unter den Scheffel, um sich nicht dem Spott ihrer Kameraden auszusetzen.

Die beiden schlenderten davon. Der schlaksige Blonde dribbelte den Ball gekonnt mit der linken Hand, wahrend er sich weiter mit seinem Freund unterhielt. Steil schlüpfte in seine Mokassins und machte sich wieder auf seinen weiten Weg.

Als er eine Stunde spater um die Ecke seines Hauser-blocks bog, wurde er von einem Schwarm Kinder umzin-gelt, die ganz aufgeregt irgendetwas von einem funkelna-gelneuen Auto und einem Touristen plapperten. Steil wuss-te nur zu gut, dass er aufgrund seiner Erschöpfung und sei­ner zerschundenen Knochen kurz davor stand, in einen Wutanfall auszubrechen. Er riss sich am Riemen und ver-suchte geduldig, die Rasselbande abzuwimmeln. Aber die Kinder stellten sich ihm immer wieder in den Weg, spran­gen um ihn herum und riefen, dass der americano ihnen Kaugummi gegeben hatte. Steil blieb plötzlich stehen und stierte sie wütend an, um Ruhe zu gebieten.

»Okay, Lemar. Was ist los?«

»Ein americano sucht Sie. Er ist in diesem Wagen gekom-men«, sagte der Junge und zeigte geradeaus. »Er hat uns Kaugummi geschenkt.«

Einen Moment lang war er zu überrascht, um zu reagie-ren, und stierte den neunjahrigen unangefochtenen Ban-denführer weiter an. »In Ordnung, vielen Dank. Und jetzt geht wieder spielen.«

Steil wandte sich um und spahte zu dem perlgrauen Toyo­ta Corolla rüber, der am Strafienrand geparkt stand, direkt vor seinem Wohnblock. Der Wagen war mit Touristen-Nummernschildern gekennzeichnet, und auf dem Fahrer-sitz saB eine dunkle Gestalt. Er schlenderte mit müden Schritten hinüber, legte seine Hand aufs Wagendach und beugte sich vor. Der etwa sechzigjahrige Fahrer blickte auf.

Seine buschigen Augenbrauen wölbten sich kurz, und er öffnete überrascht den Mund.

»Suchen Sie jemanden?«, fragte Steil.

»Gott sei Dank«, sagte der Mann. »Hier scheint kein Mensch Englisch zu verstehen, auBer bitte, bitte. Ja, ich su-che Elliot Steil.«

»Der steht vor Ihnen.«

Die blauen Augen des Fremden leuchteten vor Freude auf. Er neigte den Kopf zur Seite, lachelte flüchtig, stieg aus und reichte Elliot seine Hand. Die Tür fiel ins Schloss.

»Dan Gastler«, sagte er. »Freut mich, Sie kennen zu ler-nen.«

»Mich ebenfalls. Ah ... kann ich irgendetwas für Sie tun?«

»Im Gegenteil - ich für Sie.«

»Wie bitte?«

»Ich bin bezahlt worden, um etwas für Sie zu tun. Kön-nen wir uns hier irgendwo ungestört unterhalten?«

Steil kam sein Akzent bekannt vor. Vielleicht Georgia?

»Oh, ja ... sicher, sicher. Hier lang, bitte. Einen Moment. Kurbeln Sie das Fenster hoch und schliefien Sie den Wagen ab.«

Steils Mietshaus war 1924 erbaut, und an den Stellen, an denen der Putz abgebröckelt war, schimmerte roter Back-stein durch. Der kleine Otis-Aufzug war auBer Betrieb, und die beiden Manner stiegen über das schabige Treppenhaus in den dritten Stock. Steil ging rechts durch einen U-förmi-gen Korridor voran und dann weiter an drei Turen vorbei, bevor er einen Schlüssel ins Schloss von Apartment 314 steckte.

Der Lehrer lieK hastig ein schmutziges Hemd verschwin-den, das über einem alten grünen Sessel hing, nahm eine Ke-rosinlampe mit verrufitem Glaszylinder, die auf einem klei­nen Tischchen stand, und trat einen Pantoffel unter einen

zweiten, passenden Sessel. Nachdem er eine Sechzig-Watt-Birne eingeschaltet hatte, stellte er die Lampe in die Koch-nische auf das Abtropfgitter und warf das Hemd ins Dunkel des Schlafzimmers, in dem das Chaos herrschte. Dann schloss er die Eingangstür, öffnete ein Fenster, aus dem die Strafie zu überblicken war, und zeigte in Richtung Sofa.

«Setzen Sie sich doch, Mr. Gastler.«

»Nennen Sie mich einfach Dan.«

»Okay, Dan. Wollen Sie vielleicht...? Kann ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?«

»Das ware nett«, sagte Gastler, bevor er sich auf s Sofa plumpsen lietë. Er trug ein hellbraunes Sporthemd, das farb-lich zu seiner weiten Khakihose und den Sommerschuhen passte.

Ein verlegener Steil öffnete seinen vorsintflutlichen Hot-point-Kühlschrank und schüttete Wasser in zwei leere Clas-sic-Coke-Dosen. In den Geschaften von Havanna waren zurzeit keine Glaser zu kriegen, und die Dosen waren ein Geschenk von einer unsaglich blöden Tussi, die vor einem Jahr Steils letztes Wasserglas zerdeppert hatte.

Gastler, der sein Erstaunen nur ungeschickt überspielte, nahm die Dose und nippte daran. Steil musterte unterdes-sen seinen Besucher: schütteres, rotblondes Haar, rötliche Wangen, untersetzt und etwa einsachtzig groB. Als sich ihre Blicke kreuzten, sah Steil weg und schlürf te sein Wasser.

Gastler trank die Dose aus und stellte sie auf dem Couch-tisch ab. Er zog ein Portemonnaie aus der hinteren Hosen-tasche und holte einen in Florida ausgestellten Führerschein sowie eine Kreditkarte und eine Visitenkarte hervor. »Das sind meine Papiere. Werfen Sie ruhig einen Bliek drauf.«

Der Lehrer hielt zum ersten Mal in seinem Leben eine Kreditkarte und einen auslandischen Führerschein in Han­den. Beide waren auf einen gewissen Daniel E. Gastler aus-gestellt. Unter dem Namen auf der Visitenkarte stand

»Amtlich zugelassener Privatdetektiv.« Steil nickte ver-wirrt und gab die Ausweise zurück.

»Mir warde gesagt, dass ihr Kubaner eine Art Personal-ausweis habt«, sagte Gastler.

»Ja, das stimmt.«

»Darf ich Ihren sehen?«

Steil zog aus der gesteppten Brusttasche seines hellgrü-nen, kurzarmeligen Hemdes ein dünnes blaues Heft und reichte es Gastler. Der Besucher setzte eine randlose Bifo-kalbrille auf, musterte eindringlich Steils Passfoto und bla't-terte kurz in dem Dokument, bevor er es wieder zurück-gab. Dann stieB er einen Seufzer der Erleichterung aus. Er nahm seine Brille ab und lehnte sich zurück.

»Elliot, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie.«

»Zuerst die schlechte«, sagte Steil gespannt.

»Ihr Vater ist am 14. Mai verstorben.«

Steil lehnte sich zurück und starrte seinen Besucher an, nahm ihn aber bereits nicht mehr wahr. Vor seinen Augen tauchte ein fröhliches, über ihm schwebendes Gesicht auf. Sein Handchen wurde von einer groGen warmen Hand um-fangen, und dann wurde er einen Waldpfad entlanggeführt. Wenn er sich an seinen Vater erinnerte, dann in Zusammen-hang mit jenem Tag in den Everglades; oder wie er ihm auf einem Schaukelstuhl in ihrem Haus in Santa Cruz del Nor-te aus der Havana Post vorlas. Und dann war da noch die-ser Tag in Sebastian, als er ihm beibrachte, wie man einen Offensivpass warf. Er hatte viele Erinnerungen an ihn, aber eine dieser drei tauchte in seinem Gedachtnis normalerwei-se als Erstes auf. Steil verspürte eine Sehnsucht, nostalgi-sches Selbstmitleid mit einem Schuss Trauer.

»Ich hab ihn seit... vierunddreiBig Jahren nicht mehr ge­sehen*, sagte er und senkte den Bliek.

Gastler sagte kein Wort.

»Wie ist er gestorben?«

» Lungenkrebs.«

Steil runzelte die Stirn. »Hat er geraucht?«

»Hat sich in seinem ganzen Leben keine einzige Zigaret-te angezündet.«

Der Lehrer rang sich ein Lacheln ab, schüttelte den Kopf und blickte einen Moment lang zur Seite. Dann stand er auf, ging zur Kochnische rüber, öffnete einen Schrank und kehr-te mit einer Glasflasche ohne Etikett ins Wohnzimmer zu-rück.

«Wollen Sie vielleicht einen kleinen schwarzgebrannten Rum, Dan? Einen Train Spark - so nennen wir dieses Ge-brau hier.«

»Train Spark? Warum?«

»Keine Ahnung.«

»Okay.«

Steil schenkte einen kleinen Schluck in Gastlers Dose und einen kraftigen in seine.

Gastler kippte seine Ration hinunter. »Um Himmels wil­len!«, keuchte er.

Der Lehrer dagegen trank seinen Rum, ohne mit der Wimper zu zucken.

Gastler hustete und rausperte sich. »Wir waren Freunde, Bob und ich. lm vergangenen Marz haben die Arzte ihm ge-sagt, dass er keine Überlebenschance hat. Ein paar Wochen spater ist er in mein Büro gekommen, und wir hatten eine ziemlich lange Unterhaltung. Darin ging es vor allem um Sie.«

Steil schnalzte mit der Zunge und schenkte sich nach. Gastler schien weitererzahlen zu wollen, überlegte es sich aber anders. Steil trank unterdessen.

»Und die gute Nachricht?«, wollte er wissen.

Gastler setzte zum Reden an. Er holte tief Luft, seine Worte sorgfaltig abwagend, und lachelte entwaffnend.

»Dies erzahle ich Ihnen beim Abendessen in einem Restau­rant Ihrer Wahl.«

Steil fixierte ihn und biss sich auf die Unterlippe, wah-rend er die Einladung überdachte. Er war seit vier, fünf Jah-ren nicht mehr in einem Restaurant gewesen. Aber er war zu Tode erschöpft. Er musste an das magere, alles andere als verlockende Mahl denken, das er für diesen Abend geplant natte, und warf einen raschen, verstohlenen Bliek auf seine Uhr.

»In Ordnung. Ich geh nur schnell duschen und zieh mich um. Sie können sich ja in der Zwischenzeit Crossfire zu Ge-müte führen, das uns live aus Washington von der kubani-schen Funkpiraterie gezeigt wird.«

Der Lehrer schaltete seinen Schwarz-WeiB-Fernseher ein - ein russisches Fabrikat mit 24-Zoll-Bildschirm - und drehte an einem von zwei Knöpfen herum, die aus einem Plastikkasten auf dem Fernseher ragten. Zu Gastlers Über-raschung tauchte innerhalb weniger Sekunden Pat Bucha-nan auf dem Bildschirm auf.

»Ist ja nicht zu fassen«, sagte der Amerikanen

Steil lachte kurz und verschwand im Schlafzimmer. Fünf Minuten spater - Steil war unter der Dusche, und Kinsley quetschte einen Waffenexperten zum Thema der koreani-schen Nuklear-Krise aus - f iel der Strom aus. Gastler war völlig verdutzt und fragte sich, was los war, als er den Ku-baner aus der Dusche rufen hörte.

»Keine Angst, Dan. Ist nur ein Stromausfall. Hatte bereits um acht eintreten mussen.«

»Okay. Kein Problem.«

Aus den anliegenden Wohnungen drangen spanische Schimpfwörter, gefolgt von mehreren Knalllauten, die Gast­ler richtigerweise als auf der Strafte zerspringende Flaschen identifizierte. Er lieB seinen Bliek zu einem hoch aufragen-den Bücherregal schweifen, das voller englischsprachiger

Taschenbücher stand. Kurz darauf tauchte Steil aus dem Badezimmer auf. Er war barfuB und hatte sich ein Hand-tuch um die Hüften gewickelt.

»Samtliche Stadtbezirke haben einen Stromausfall-Zeit-plan«, erklarte er und ging zur Kochnische hinüber, um nach Streichhölzern zu tasten. »Manchmal werden sie vor-verlegt, oder sie passieren einfach, weil irgendetwas schief gegangen ist. Die Leute sind dann immer stinksauer.«

Steil fand die Streichhölzer und zündete eines an. Der Kopf brach ab. Die nachsten zwei Versuche gingen eben-falls daneben. Genervt stiefi er eine Kanonade kubanischer Schimpfwörter aus. Beim vierten Streichholz hatte er Glück. Er nahm den Glaszylinder der Kerosinlampe ab, hielt die Flamme an den Docht und setzte den Zylinder wie­der auf. Dann stellte er das Teil auf den Couchtisch.

»Haben Sie gehort, wie die Leute Flaschen auf die Stra-tëe geworfen haben?«

»Ja.«

»Das ist die neueste Form von Protest.«

»Kommt mir irgendwie albern vor«, spottete Gastler. »Diejenigen, die für den abgeschalteten Strom wirklich ver-antwortlich sind, treffen sie damit sowieso nicht.«

»Ich schatze, da haben Sie Recht«, raumte Steil ein. »Ich zieh mich jetzt mal an.«

»Nehmen Sie die Lampe mit. Ich brauche sie nicht, um hier zu sitzen.«

Kurz nach acht tauchte Steil im Sonntagsstaat aus dem Schlafzimmer auf: ein lohfarbener Leinen-Guayabera, eine kastanienbraune Hose und braune Mokassins. Er stellte die Lampe auf den Couchtisch und schloss das Fenster. Der Leh-rer sah in seinen schicken Klamotten, frisch rasiert und mit ordentlich gekammtem Haar fünf, sechs Jahre jünger aus als die vierundvierzig, die er bereits auf dem Buckel hatte.

»Ich bin soweit«, verkündete Steil.

 

»Gehen wir«, meinte Gastler. Er schlug sich auf die Schenkel und stand auf. «Pusten Sie die Lampe aus.«

In dem Moment zischte der Docht, und wie durch Magie erlosch die Flamme. Steils Kerosinreserven waren bis auf den letzten Tropfen verbraucht.

Das Floridita, ein Restaurant mit angeschlossener Bar, war 1991 renoviert worden, aber nachdem die kubanische Re-gierung Vorschriften erlassen hatte, nach denen Gaste mit frei konvertierbaren Wahrungen zahlen mussten - also mit US-Dollar -, war es Steil nicht mehr möglich gewesen, das Lokal, das jahrelang seine bevorzugte Tankstelle gewesen war, weiter aufzusuchen. Allein durch den Kontrast zu sei­ner gewohnten Umgebung schien Steil das Restaurant nicht nur hübsch sondern luxuriös. Rote Samtvorhange, rein wei-Ke Leinentischdecken, Besteck mit Silberauflage sowie uni-formierte Kellner und ein Maitre de in Smokingjacke waren bei einem kubanischen Abendessen kein gewöhnlicher An-blick. Nur drei Tische waren besetzt. Gastler bestellte Drinks.

Sie nippten an Daiquiris und plauderten ein wenig. Gast­ler stellte seine Glaubwürdigkeit unter Beweis, indem er zwei von Steils Kindheitserlebnissen erzahlte. Das erste ging auf eine Reise nach Silver Springs im Jahre 1956 zu-rück, als der kleine Elliot mit staunenden Augen durch die Bullaugen eines Schiffes den Fischen und Tauchern zugese-hen hatte. Bei dem anderen handelte es sich um einen Sturz, den er in Santa Cruz del Norte bei seinen ersten Ver-suchen auf Rollschuhen erlitten hatte. Beide Male war er mit seinem Vater allein gewesen.

Schweigend afien sie Krabbensuppe, Garnelensalat und Hummer Thermidor. Eine Flasche chilenischer WeiBwein wurde geleert. Nach dem Kaffee bat Gastler um die Rech-nung. Er warf einen kurzen Bliek darauf und reichte dem.
 
©2006 José Latour.